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Ötztal Tourismus

„Branche muss lauter werden"

Thorsten Kirstges

16.11.2020

Der deutsche Professor Thorsten Kirstges unterrichtet Tourismusmanagement, ist Autor von Fachbüchern und vermietet selbst ein Ferienhaus in Frankreich. Im zweiten Teil des Interviews warnt er vor Versäumnissen der EU, mangelndem Contact Tracing und grundloser Panikmache.
 

Leidet die Hotelleriebranche unter ihrer kleinteiligen Struktur, um gegenüber der Politik Gehör zu finden?


Ja, die gesamte Tourismusbranche leidet darunter. Die wenigsten Abgeordneten im deutschen Bundestag und vermutlich auch im österreichischen Nationalrat dürften schon mal eine normale Pauschalreise gebucht haben. Für sie ist unsere Branche in ihrer Struktur und ihrer wirtschaftlichen und arbeitsmarktpolitischen Bedeutung gar nicht richtig (be-)greifbar. Ein Auto hingegen fahren sie alle … Die Tourismusverbände sollten daher viel lauter werden. Bereits nach Ostern hatte ich ihnen gegenüber gefordert, sie mögen sich – als Hotel-, Gastronomie-, Reiseveranstalter-, Airline-Verbände etc. - zusammenfinden und Demonstrationen organisieren. Jede Woche, in jeder größeren Stadt, immer wieder. Die Branche muss mehr wahrgenommen werden, damit diese Quasi-Berufsverbote ein Ende haben.“

„Die wenigsten Politiker dürften schon mal eine normale Pauschlreise gebucht haben. Ihnen ist unsere Branche in ihrer Bedeutung gar nicht richtig (be-)greifbar“

Wie hilfreich sind Empfehlungen von Politikern an die Bevölkerung, den Winterurlaub im eigenen Land zu verbringen? Resultiert das nicht in Overtourism bzw. Menschenansammlungen an beliebten Hotspots in Deutschland?


„Ja, zumal wir in Deutschland nur sehr wenige brauchbare, d.h. schneesichere Skigebiete mit einer insgesamt sehr geringen Kapazität haben. Zudem ist dies ein Denken in nationalstaatliche Strukturen, von dem ich dachte, dass die Zielsetzung der Europäischen Union dies längst überwunden hätte. Nun werden aber wieder – teilweise physisch – Grenzen errichtet, obwohl diverse Studien bestätigen, dass das Reisen dann, wenn der Virus ohnehin in jedem Land verbreitet ist, keine gravierenden negativen Auswirkungen auf dessen Verbreitung hat. Viele der Empfehlungen von Politikern halte ich schlicht für unsinnig, für wenig zielführend und angesichts der damit verbundenen Kollateralschäden sogar für insgesamt schädlich. Denken wir nur daran welche Folgen das Ausbleiben des Tourismus, der ansonsten eine der besten Formen von Entwicklungshilfe ist, in den Schwellenländern Afrikas, Asiens, Südamerikas etc. hat …“
 

Fernreisen gestalten sich derzeit schwierig. Wie hoch schätzen Sie das Potenzial, dass bisherige Strandurlauber sich für einen Aufenthalt im Schnee entscheiden?


„Da muss man realistisch bleiben. Jemand, der beispielsweise im Winter gerne nach Asien reisen würde, wird weder zum Skifahrer noch sich mit einem Urlaub in deutschen Landen zufriedengeben. Er wird die in diesem Jahr ausgefallene Reise nachholen wollen.“
 

Nationale bzw. föderale Regeln sorgen für Unsicherheit bei den Urlaubern. Ist es Zeit, dass die EU hier europaweite Vorgaben etabliert, um Aufenthalte planbarer zu machen?


„Auf jeden Fall! Die EU hat sich bislang in dieser Krise als völlig zahnlos erwiesen; wichtige europäische Grundsätze wurden einfach ausgehebelt. Rechtsicherheit und Planbarkeit, Verlässlichkeit von Bestimmungen inkl. der europaweit garantierten Reisefreiheit sind Voraussetzung dafür, dass wir trotz der Coronagefahr, die auch in den nächsten Jahrzehnten noch bestehen wird, wieder zu einer Normalität des Lebens inkl. des Reisens zurückkehren können. Wir müssen mit dieser zusätzlichen Gefahr für uns auf Dauer leben, dürfen unser gesamtes Leben aber nicht von Corona dominieren lassen. Es gibt ja auch keine Perspektive, dass die Gefahr innerhalb der nächsten Monate oder gar Jahre verschwinden könnte …“

„Wir müssen mit dieser Gefahr auf Dauer leben, dürfen aber nicht unser gesamtes Leben von Corona dominieren lassen“

Muss es schnellere Testmechanismen bzw. ein europaweit digitales Contact-Tracing geben, um sowohl Urlaubern als auch touristischen Anbietern ein sicheres Reisen bzw. Arbeiten zu ermöglichen?


„Das wäre zumindest ein Ansatz. Von den einzelnen Corona-Apps in Deutschland oder Frankreich, die ohne inhaltliche, rechtliche und technische Abstimmung entwickelt wurden, hört man nicht mehr viel. Die Regierungen hatten nun viele Monate Zeit, um das Gesundheitssystem zu stärken und auszubauen und Testkapazitäten so zu erweitern, dass wir – wenn das als eine Lösung angesehen wird – jeden Urlauber vor und am Ende seiner Reise testen könnten und die Ergebnisse dann innerhalb von z.B. zwölf Stunden vorliegen würden. So könnte ich samstags aus dem Urlaub zurückkommen und hätte sonntags meinen „Freifahrtschein“ für die Arbeit am Montag vorliegen. Man muss auch sehen, dass mehr als 99% aller Urlauber und Geschäftsreisenden – ebenfalls ein großes Segment, das unter den Maßnahmen leidet – ohne Infektion hin- und herreisen. Wer reist, wird aber heute schon oft als ‚potentieller Mörder‘ stigmatisiert, weil er ja den Virus verbreitet und andere Menschen ins Unglück stürzt – das ist schlicht falsch! Das verbreitet grundlos Panik und Angst vor dem Reisen und den Reisenden.“
 

Sie sind nicht nur Wissenschaftler, sondern vermieten als Praktiker auch ein Ferienhaus. Wie haben Sie sich als Touristiker an die neuen Gegebenheiten angepasst?


„Bereits vor Monaten hatte ich darauf hingewiesen, dass selbst innerhalb von Gebieten, welche die – übrigens ja völlig willkürlich festgelegte, denn man hätte auch 30 oder 80 oder 100 nehmen können – 50er-Grenze an Infektionen pro 100.000 Einwohner überschreiten, ein coronarisikoreduzierter Urlaub gemacht werden kann, indem man solche Unterkunftsformen wie das Ferienhaus, ein Wohnmobil oder ein Hausboot wählt. Wer also ganz vorsichtig sein möchte, kann mit seinem Pkw nach Österreich, Frankreich, Dänemark etc. reisen, gegebenenfalls sogar seine Verpflegung importieren, um den Einkauf vor Ort zu minimieren, und ein isoliert stehendes Ferienhaus für seinen völlig entschleunigten Urlaub nutzen. Mit Ausnahme einer ohnehin immer so durchzuführenden gründlichen Endreinigung muss sich der Ferienhausurlaub also kaum umstellen. In der Tat konnte ich im Sommer auch eine verstärkte und kurzfristige Nachfrage nach meinem sehr ländlich und isoliert gelegenen Ferienhaus im französischen Médoc feststellen.“

„Ich habe eine verstärkte und kurzfristige Nachfrage nach meinem Ferienhaus feststellen können.“

Der Online-Unterkunftsvermittler Airbnb stellt in den USA eine erhöhte Nachfrage nach Langzeitvermietungen fest, indem Kunden ihr Homeoffice in touristische Umgebungen verlagern. Könnte dies auch im deutschsprachigen Tourismusmarkt ein mögliches Geschäftsfeld sein?


„Ich denke nicht. Das mag für einige spezielle Fälle machbar sein wie für den Workaholic-Single ohne starke soziale Bindungen. Für die meisten Arbeitnehmer dürften aber Familie, Schulpflicht, soziale Kontakte, fester eigener Wohnsitz mit daraus entstehenden Verpflichtungen eher dagegen sprechen. Also nur ein kleines Marktsegment. Airbnb hat in der Summe übrigens kräftig an Geschäft eingebüßt. Eher vielleicht – lassen Sie mich den Gedanken etwas weiterführen – nach dem Motto „mal eine Woche das Homeoffice-Büro in die österreichische Bergnatur verlegen“, also für eine kürzere Zeit Arbeit und Freizeitumgebung verbinden. Dann müssen aber ein guter geräumiger Schreibtisch, ein schneller Internetanschluss, ein Drucker etc. zur Standardausrüstung der Unterkunft gehören.“